Prolog – Schatten über Khaldur
D
Der Wind schmeckte nach Asche und Eisen, als er über die zerbrochenen Mauern der alten Bastion strich. Hoch oben auf den Türmen von Khaldur, wo einst Banner im Licht der Morgensonne wehten, hing nun nur noch das träge Flattern zerschlissener Stofffetzen – als würde das Gemäuer selbst atmen. Kein Laut drang aus dem Inneren, keine Stimme, kein Schritt – nur das Flüstern des Windes, das in den alten Steinritzungen die Spuren vergangener Zeiten suchte.
Khaldur war vergessen.
Einst war es ein Ort von großer Bedeutung – eine Bastion der Erzmagier von Velmor, Zufluchtsort für jene, die Wissen jenseits der Götter suchten. Tief unter der Festung lagen uralte Gewölbe, in denen Magie webte wie Rauch, und Stimmen aus anderen Welten durch Ritzen im Stein drangen. Hier wurden Zauber geformt, die nie hätten ausgesprochen werden dürfen. Hier wurde geforscht, gewirkt – und eines Tages, verstummt.
Niemand weiß, wann genau Khaldur fiel. Es gibt kein Datum, keine Schlacht, keine Chronik, nur das ungewisse Verstummen. Und dann – Stille. Für Generationen. Die Karten der Welt wurden neu gezeichnet, und der Name Khaldur verschwand langsam aus dem Gedächtnis der Menschen. Nur unter Dieben, alten Gauklern und wahnsinnigen Sehern wurde er weitergeflüstert. Immer in einem Atemzug mit Tod, Fluch – und Macht.
Doch irgendetwas hat sich verändert.
In den letzten Wintern traten Nebel auf, die nie zuvor da waren. Händler berichten von flackernden Lichtern im verfallenen Hof. Tiere meiden das Land. Und jene wenigen, die sich der Festung näherten – aus Neugier, Dummheit oder Verzweiflung – kehrten nicht zurück. Oder schlimmer: Sie kamen verändert wieder.
Die Welt hat Khaldur vergessen. Aber Khaldur hat die Welt nicht vergessen.
Und nun beginnt etwas. Etwas Altes. Etwas, das tief in den Steinen schlief, rührt sich.
In einem Kerker, weit unter dem Hof der Festung, öffnet sich ein Auge. Nicht deines. Noch nicht. Aber deines wird folgen.
Denn du bist dort – eingesperrt, namenlos, ohne Erinnerung.
Du weißt nur:
Du musst fliehen.
Und Khaldur wird dich nicht kampflos gehen lassen.