Man sagt, der Atem der Welt selbst sei dort gefangen. In den Tiefenminen von Ulgarond regt sich kein Wind, kein Tageslicht, kein Vogelruf – nur das Echo von Stahl auf Stein, das rhythmische Keuchen der Schmiede, das Flüstern von Fels, der zu atmen scheint.
Ulgarond liegt unter den nördlichen Eisenklippen, ein unterirdisches Reich so gewaltig, dass selbst die Götter sich weigerten, es zu kartieren. Kein anderer Ort in Elarun reicht so tief hinab. Die Zwerge selbst nennen es nicht „Stadt“ oder „Reich“, sondern einfach Grund. Denn Ulgarond besitzt keine Oberfläche – seine Tore führen nur nach unten. Und mit jedem Schritt verliert man etwas von sich.
Die Legenden sagen, dass Ulgarond nicht gefunden, sondern gehört wurde. Ein Rhythmus tief im Gestein, wie Herzschläge unter der Erde. Ein uralter Ruf, den nur die Zwerge verstanden. Und sie folgten ihm, mit Spitzhacke, Feuer und Willen.
Was sie fanden, war keine gewöhnliche Ader aus Erz. Es war Blutmetall – ein Material, das im Dunkeln pulsierte, das Werkzeuge ablehnte, wenn sie mit Zweifel geführt wurden, und das sich nur dem Willen eines wahren Schmieds fügte. Aus diesem Metall wurden nicht nur Waffen geschmiedet, sondern ganze Geschichten, in Klingen gefasst und mit Runen gebunden.
Doch Ulgarond war nie nur Bergbau. In den tiefsten Ebenen, jenseits der Schmiede, jenseits des Rats der Hämmer, beginnt das, was die Zwerge Dûrm-Thar nennen – „Die Schwarzen Gänge“. Dort endet aller Lärm. Dort beginnt das Flüstern. Manche sprechen von alten Geistern, andere von einem Bewusstsein aus Stein, das unter Elarun schläft. Wer zu tief gräbt, wird von Träumen verfolgt, die nicht die eigenen sind.
Atacius Hogpen wurde in Ulgarond geboren. Er war ein Kind der dritten Tiefe, wo selbst Zwerge nur flüstern. Er war früh fasziniert vom Blutmetall und von den Geschichten, die sich in das heiße Metall brennen ließen, wenn man es im richtigen Moment formte. Kein Wunder, dass er als Schmiedemeister des Inneren Rings anerkannt wurde – eine Ehre, die nur jenen zuteil wird, die sowohl Krieger als auch Erzpoet sind.
Ulgarond war sein Stolz, seine Wurzel – und sein Fluch. Denn er trug den Klang des Grundes mit sich, selbst als er nach Velmor ging. Und etwas aus den Schwarzen Gängen folgte ihm.
Heute ist Ulgarond stiller als je zuvor. Einige sagen, die tiefsten Schmieden seien erloschen. Andere munkeln, dass das Blutmetall selbst sich weigert, sich erneut formen zu lassen – als würde es auf etwas warten. Vielleicht auf den letzten Hammer. Oder auf das Erwachen unter den Gängen.
Ulgarond schläft nicht.
Es hört.