Man sagt, in Ulgarond werde man aus Stein geboren und kehre irgendwann zu ihm zurück. Für Taryn Hogpen galt das nie ganz. In ihr war etwas anderes – beweglicher, lodernder, fast zu lebendig für den ewigen Dämmer ihrer Heimat.
Sie war die jüngste Tochter von Atacius, geboren in einer Zeit, als sein Name noch Respekt auslöste. Schon als Kind zeigte sie ein ungewöhnliches Talent für das, was die Älteren „das Hören“ nannten – ein intuitives Spüren für die Schwingungen der Gänge, das kaum jemand außerhalb der alten Schmiedemeister verstand. Sie bewegte sich durch die Minen, als könnte sie mit dem Gestein flüstern.
Doch ihr Leben änderte sich, als Atacius verschwand. Man erzählte sich, er habe das Blutmetall verraten, mit finsteren Mächten gepackt, sei in die Dienste eines toten Königreichs getreten. Für viele war der Name Hogpen fortan ein Fluch.
Taryn glaubte das nie.
Mit kaum zwanzig Wintern verließ sie Ulgarond – etwas, das nur wenige Frauen ihres Volkes je taten. Sie war entschlossen, ihren Vater zu finden, nicht nur um sein Schicksal zu klären, sondern auch, um das zu verstehen, was er gesehen hatte. Sie wusste, dass sein Schweigen nicht Schwäche war, sondern Schutz. Und dass unter seiner gebrochenen Hülle etwas bewahrt wurde – vielleicht sogar für sie.
Sie reiste durch halb Elarun, als Botenreiterin, Händlerin, selbst als Söldnerin in rauen Gegenden, nur um den Flüstern über Khadur näherzukommen. In alten Tavernen hörte sie Geschichten über einen schweigsamen Zwerg im Kerker der Ruinenfestung – und etwas in ihr wusste: Das ist er.
Als sie in Khadur eintraf, war sie nicht mehr das neugierige Kind aus der dritten Tiefe. Ihr Blick war schärfer, ihr Griff fester. Und dennoch – als sie von dir erfährt, dass ihr Vater lebt, bricht für einen Moment das alte Feuer durch. Hoffnung. Und etwas Unausgesprochenes.
Taryn trägt keine Runenrüstung. Ihre Waffe ist kein Erbstück. Sie vertraut nicht auf Götter, nicht auf Legenden. Nur auf ihren eigenen Willen. Doch das, was in ihr schlummert, ist nicht weniger gefährlich.
Vielleicht ist sie es, nicht Atacius, die eines Tages mit dem Blutmetall sprechen kann.
Vielleicht ist sie der Schlüssel.
Oder das letzte Opfer.